Travelogue
questions of travel, mobility, and migration

Thursday, October 28, 2004

Mixophobie

An dieser Stelle möchte ich ein ausführliches Zitat von Dewulf (2003) bringen, in der er sich mich den Thesen des spanischen Linguisten Juan Ramón Lodares* auseinandersetzt:


"Wenn von Mixophobie, d.h., von der Angst vor Kulturmischung, die Rede ist, werden in der Regel Namen wie Johann Gottfried Herder oder Johann Gottlieb Fichte zitiert, die mit ihren Ideen oder Reden die Basis für die späteren Rassentheorien gelegt haben sollen, wie sie dann im 20. Jahrhundert zu den bekannten dramatischen Folgen geführt haben. Allerdings, zwei sehr unterschiedliche Wissenschaftler haben neulich Zweifel an dieser Interpretation geäussert. Sie vertreten die herausfordernde These, dass ein krampfhaftes Festhalten an kultureller Reinheit bereits lange vor der Romantik existierte und letztlich auf die Bibel zurückzuführen ist. Es betrifft dies den britischen Historiker Adrian Hastings, mit The construction of nationhood (1997) und den spanischen Linguisten Juan Ramón Lodares, mit Lengua y Patria (2002).

Nach Ramón Lodares geht der Mythos, dass es so etwas wie reine Völker mit einer reinen Sprache gibt, auf die Geschichte des Turmbaus von Babel und der durch Gott gewollten Sprachverwirrung zurück. Die Interpretation dieses Mythos stütze sich, so Román Lodares, auf einen historischen Irrtum: "Menschen leben nicht getrennt, weil sie verschiedene Sprachen sprechen, wie die biblische Hagiografie behauptet; in Wirklichkeit passiert genau das Gegenteil: Menschen sprechen verschiedene Sprachen, weil sie getrennt worden sind".(2) Die Hermeneutik sei jedoch traditionell davon ausgegangen, dass man Menschen in verschiedene Kulturen aufteilen sollte, weil sie verschiedene Sprachen sprechen und daher unterschiedlichen Ethnien angehören. Im Christentum sei also die Existenz verschiedener Ethnien immer als ein von Gott gewolltes Phänomen interpretiert worden, woran nicht gerüttelt werden durfte. Zwar richtete sich das Wort Christi an alle Völker, wenn sich aber neue Völker zum Christentum bekehren liessen, gaben sie damit ihre eigene Ethnizität nicht auf. Darin liegt laut Ramón Lodares ein wesentlicher Unterschied zum Islam. Im Gegensatz zum Christentum stützte sich das islamische Reich ursprünglich auf die Idee einer Gemeinschaft des Glaubens, einer einzigen Gemeinschaft, frei von nationalen und ethnischen Unterschiede, da vereint in der heiligen Sprache des Korans.(3) Vieles hätte daher anders verlaufen können, meint Ramón Lodares, wenn Christus selber Autor der Bibel gewesen wäre und das Christentum so eine einzige verbindliche, heilige Sprache propagiert hätte.(4)"


(*) Ramón Lodares, Juan (2002): Lengua y Patria, Madrid, taurus.

.: posted by BW 6:51 PM


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