Travelogue
questions of travel, mobility, and migration

Thursday, September 15, 2005

Geschlechtergeschichte(n) in Bewegung
Johanna Gehmacher / Maria Mesner

Quelle: Querschnitte 14: Frauen- und Geschlechtergeschichte. Positionen / Perspektiven.
Herausgegeben von Johanna Gehmacher & Maria Mesner: Innsbruck, Wien, München, Bozen: Studienverlag 2003


Das "Bicycle", so meinte Rosa Mayreder, Vordenkerin der Frauenbewegung um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, habe "zur Emanzipation der Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammengenommen." (Mayreder 1998:138) Die von uns für ds Titelbild gewählte Fotografie zeigt die junge Grazer Radfahrerin Mitzi Albl, Gründungsmitglied des 1893 gegründeten Grazer Damen-Bicycle-Clubs, der ersten Fahrradvereinigung von Frauen auf dem europäischen Kontinent (Harrer 1998:110). Das Bild soll auf die enge Verbindung der Frauen- und Geschlechtergeschichte mit der Frauenbewegung hinweisen: Erst die seit den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts weltweit wieder lauter werdenden - an die Frauenrechtsbewegungen der Jahrhundertwende anknüpfenden - Forderungen nach Gleichberechtigung der Geschlechter schufen die Basis für jenen grundlegenden Perspektivenwechsel in den Geistes- und Sozialwissenschaften, der die Frauen- und Geschlechterforschung, die Gender Studien nicht nur möglich machte, sondern auch als notwendige Entwicklungen erscheinen ließ.

Das Bild der jungen Grazerin auf einem Fahrzeug, das zum Zeitpunkt der Aufnahme für technische Innovation wie für Mobilität stand, verweist auf die Befreiung, die in der physischen Bewegung, in der Eroberung des Raumes für Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts lag. Es erinnert auch daran, welch enge Grenzen Frauen vor wenig mehr als hundert Jahren gesteckt waren. An der Geschichte des Damen-Radfahrens (Bleckmann 1998; Harrer 1996), am Skandal, den die - wie man meinte, unschicklich gekleideten -, öffentlichen Raum beanspruchenden Frauen evozierten, wird die Historizität von Geschlechterarrangements deutlich. Nicht nur die freie Bewegung in der Öffentlichkeit war Frauen durch Bekleidungsvorschriften und Anstandsregeln verwehrt, auch von politischer Teilhabe waren sie in Österreich bis 1918 ausgeschlossen. Die Frauenbewegung der Jahrhundertwende setzte bei beidem an: Sie forderte nicht nur politische, sondern auch soziale Rechte. Zu den tiefgreifenden - durch eine Vielzahl von Faktoren bedingten - Veränderungen im 20. Jahrhundert zählen auch die Umbrüche in den Geschlechterverhältnissen, insbesondere das im Laufe des Jahrhunderts in allen demokratischen Ländern der Erde eingeführte aktive und passive Wahlrecht für Frauen, die Eröffnung von Bildungschancen durch die sukzessive Zulassung von Frauen zu mittleren und höheren Studien sowie die Abschaffung geschlechterdifferenzierender Regelungen des Arbeitsmarktes, die freilich Hierarchisierungen, Segregationen und Lohndifferenzen nicht aufheben konnten.

Die Inszenierung der Radfahrpionierin in einer Studiokulisse schließlich erinnert an die Geschlechteridentitäten innewohnende Konstruktionsarbeit. Ihr im fragilen Gleichgewicht der Bewegung nach vorne gerichteter Blick könnte für die vielfältigen und auch differenten Aufbrüche von Frauen stehen, deren historische Analyse gegenwärtige Handlungsräume und Geschlechterbilder erst erklärbar macht. Die unsichtbare, weil von der historischen Forschung weitgehend ignorierte Geschichte der Frauen ans Tageslicht zu fördern, das war der wichtigste Impuls der in den 1970er-Jahren im Kontext der Neuen Frauenbewegung entstehenden Frauengeschichtsforschung. Die Monographien und Sammelbände dieser Zeit brachten schon in der Metaphorik ihrer Titel sowohl die wahrgenommene Geschichtslosigkeit von Frauen wie auch den Anspruch auf Sichtbarmachung zum Ausdruck, wenn sie die "ungeschriebene Geschichte" adressierten, das "Sichtbarwerden" (Bridenthal/Koonz 1977) zum Gegenstand machten oder vom Suchen und Finden der Geschichte der Frauen (Lerner 1979; Hausen 1982) sprachen. Mit den Veränderungen der Geschlechterverhältnisse während des 20. Jahrhunderts, die sich an den im Porträt der Grazer Radfahrerin anklingenden Bedingungen und Kontexten nur erahnen lassen, sind weitere zentrale Forschungsgegenstände der Frauen- und Geschlechtergeschichte angesprochen: der Nachweis der Gewordenheit scheinbar natürlicher Geschlechterverhältnisse sowie die Sichtbarmachung und Analyse der komplexen Verflechtungen zwischen kulturellen Vorstellungen über die Geschlechter und der politischen Verfasstheiten von Gesellschaften.

Zitat: aus der Einleitung

.: posted by BW 8:07 AM


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